Eintrag 21 · ErklärungStand 20.10.2026

Dachkant- oder Porroprisma? Bauarten erklärt

Dachkantprisma oder Porroprisma: Strahlengang, Bauform, Phasenkorrektur, Glassorten und was die Bauart für Größe, Gewicht und Dichtigkeit bedeutet.

Zwei Ferngläser nebeneinander auf einem Holztisch: links ein breites Porroprisma-Glas mit versetzten Tuben, rechts ein schlankes Dachkant-Glas
Symbolbild, KI-generiert · Zwei Ferngläser nebeneinander auf einem Holztisch: links ein breites Porroprisma-Glas mit versetzten Tuben, rechts ein schlankes Dachkant-Glas

Wer Ferngläser vergleicht, stößt schnell auf zwei Wörter: Dachkant und Porro. Sie bezeichnen die Prismenbauart und bestimmen die Form des Glases. Ein Porro-Fernglas ist breit und hat die Objektive weiter auseinander als die Okulare. Ein Dachkant-Fernglas ist schlank und gerade. Wir erklären, wozu die Prismen da sind, wie die beiden Bauarten funktionieren, was Phasenkorrektur und Glassorten bedeuten und was die Bauart für Größe, Gewicht und Dichtigkeit heißt. Eines vorweg: Die Bauart allein sagt nichts über die Bildqualität.

Wozu Prismen im Fernglas?

Das Objektiv erzeugt von der Umgebung ein Zwischenbild, das auf dem Kopf steht und seitenverkehrt ist. Das Okular wirkt wie eine Lupe und vergrößert dieses Bild. Damit Sie das Ergebnis aufrecht und seitenrichtig sehen, dreht ein Umkehrsystem das Zwischenbild. Das übernehmen die Prismen (Quelle: Zeiss-Optikbuch). Bauart und Anordnung der Prismen bestimmen zugleich die Form des Fernglases.

Strahlengang: Porroprisma und DachkantprismaZwei nebeneinanderstehende Schemazeichnungen eines Fernglas-Strahlengangs, links Porroprisma mit seitlich versetztem Strahl und breit auseinanderstehenden Objektiven, rechts Dachkantprisma mit geradem, nur minimal versetztem Strahl; beschriftet: Objektiv, Prisma, Okular, Zwischenbild PorroprismaDachkantprisma ObjektivPrismenOkularStrahl seitlich versetzt, breite Bauform ObjektivPrisma mit DachkanteOkularStrahl fast gerade, schlanke Bauform
Schema · Zwei nebeneinanderstehende Schemazeichnungen eines Fernglas-Strahlengangs, links Porroprisma mit seitlich versetztem Strahl und breit auseinanderstehenden Objektiven, rechts Dachkantprisma mit geradem, nur minimal versetztem Strahl; beschriftet: Objektiv, Prisma, Okular, Zwischenbild

Porroprisma: die breite Bauform

Beim Porro-Fernglas sind die Objektive weiter auseinander als die Okulare. Der Strahl wird seitlich versetzt. Diese Bauform kennen viele als den klassischen „Feldstecher“. Aus den Quellen ergeben sich folgende Eigenschaften:

  • Einfacher herzustellen. Laut Zeiss-Optikbuch lässt sich die Porro-Bauart einfacher fertigen.
  • Hohe Transmission ohne Verspiegelung. Das Licht durchquert die Prismen ohne zusätzliche Spiegelschicht.
  • Größer und schwerer. Die Bauform fällt breiter aus; die Wikipedia nennt Porro-Gläser tendenziell schwerer.
  • Dichtigkeit schwieriger. Laut Zeiss sind abgedichtete Gläser mit Innenfokussierung bei dieser Bauform schwierig umzusetzen.
  • Nahbereich. Die Wikipedia nennt Porro im Nahbereich meist als ungeeignet.
  • Abbildungsqualität. Die Wikipedia nennt zugleich ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bei der Abbildungsqualität.

Ein häufiges Argument für Porro-Gläser ist der große Abstand der Objektive, der eine bessere räumliche Wahrnehmung bringen soll. Das Zeiss-Optikbuch zweifelt diesen Vorteil auf große Distanzen zu Recht an. Bei weit entfernten Zielen spielt er also kaum eine Rolle.

Dachkantprisma: die schlanke Bauform

Beim Dachkant-Fernglas liegen Objektive und Okulare nahezu in einer Linie. Der Strahl verläuft ohne oder mit nur kleinem Versatz. Das Glas wirkt schlank und lässt sich kompakter bauen. Laut Zeiss sind fast alle hochwertigen modernen Ferngläser Dachkant-Gläser. Das ist eine Herstellerangabe und keine Bewertung einer einzelnen Bauart.

Die Dachkant-Bauart stellt hohe Anforderungen an die Fertigung. Das Prisma verlangt einen exakten 90-Grad-Winkel und eine scharfe Dachkante. Sonst leidet die Abbildung.

Phasenkorrektur

Bei Dachkantprismen entstehen wellenoptische Effekte: Das Licht erleidet Phasenverschiebungen, die die Detailauflösung vermindern würden. Deshalb tragen beide Dachflächen einen Phasenkorrekturbelag, kurz P-Belag. Er unterbindet diese Effekte laut Zeiss-Optikbuch. Die Wikipedia beschreibt es genauso: Das Aufdampfen eines Phasenkorrekturbelags behebt das Problem weitgehend. Wenn ein Datenblatt „Phasenkorrektur“ nennt, ist dieser Belag gemeint.

Schmidt-Pechan und Abbe-König

Dachkant-Gläser gibt es in zwei Versionen:

  • Schmidt-Pechan: kleiner, kürzere Baulänge. Dieses Prisma braucht eine Spiegelschicht, und jeder Spiegel absorbiert einige Prozent Licht.
  • Abbe-König: ohne Verspiegelung, dafür aufwendiger und länger.

Als Beispiele aus einem Herstellerdatenblatt (Zeiss Conquest HD, Flyer 01/2014): Das 8x42 ist ein Schmidt-Pechan-Glas, das 8x56 ein Abbe-König-Glas. Das 8x56 wiegt laut Datenblatt 1.265 g und das 8x42 795 g. Ob der Unterschied von der Prismenform oder vom größeren Objektiv kommt, verrät das Datenblatt nicht.

Woran Sie die Bauart erkennen

Schon von außen lässt sich die Bauart meist ablesen. Ein Porro-Glas hat Objektive, die weiter auseinanderstehen als die Okulare; die Röhren verlaufen nicht in einer Linie. Ein Dachkant-Glas hat gerade Röhren, bei denen Objektiv und Okular nahezu fluchten. Im Datenblatt steht die Bauart meist als „Dachkant“ oder „Porro“. Bei Dachkant-Gläsern finden Sie häufig weitere Angaben wie „Phasenkorrektur“ oder die Prismenform „Schmidt-Pechan“ beziehungsweise „Abbe-König“.

Bezeichnungen wie HD, ED oder FL beziehen sich nicht auf die Prismen, sondern auf Glasarten zur Minderung von Farbfehlern. Es sind Herstellerbegriffe; wir bewerten sie nicht, und sie sagen für sich genommen nichts über die Bauart aus.

Vergleich auf einen Blick

Tabelle: Porro und Dachkant im Vergleich (nach Quellenaussagen)

MerkmalPorroDachkant
Formbreit, Objektive weiter auseinander als Okulareschlank, Strahl ohne oder mit kleinem Versatz
Gewichttendenziell schwerer (Wikipedia)je nach Bauweise kompakter
Dichtigkeitbauformbedingt schwieriger umzusetzen (Zeiss)Quellen nennen hier keine bauformbedingte Einschränkung
Nahbereichmeist ungeeignet (Wikipedia)oft 1,5 bis 2,5 m Naheinstellgrenze (Wikipedia)
Herstellungeinfacher (Zeiss)aufwendiger: 90°-Winkel, Dachkante, Phasenbelag
Transmissionhoch ohne Verspiegelung (Zeiss)bei Schmidt-Pechan Spiegelverluste, bei Abbe-König keine
Abbildunggutes Preis-Leistungs-Verhältnis laut Wikipediahängt von Fertigung und Vergütung ab

Die Quellen sagen zur Dichtigkeit nur etwas über die Porro-Bauart; bei Dachkant-Gläsern nennen sie keine Einschränkung durch die Bauform. Ob ein bestimmtes Glas abgedichtet ist, steht immer im Datenblatt des Modells.

Glassorten: BK7 und BaK4

Für die Prismen kommen zwei häufige Glassorten vor: BK7 (Bor-Kronglas) und BaK4 (Barium-Kronglas). Die Wikipedia schreibt, BaK4 erlaube eine hohe Detailauflösung und ein helles, farbtreues Bild. Wie farbtreu, wie schwer und wie gleichmäßig ein Glas ausfällt, hängt aber von weiteren Faktoren ab. Eine einfache Gleichung „BaK4 gleich besser“ lässt sich daraus nicht ableiten, und wir ziehen sie nicht.

Der Blick auf die Austrittspupille

Ein Prüfhinweis ist die Austrittspupille: Halten Sie das Fernglas mit ausgestrecktem Arm gegen eine helle Fläche und schauen Sie auf die Okulare. Bei hochwertigen Gläsern sind die Kreise laut Zeiss „absolut kreisrund, mit einem scharfen Rand und gleichmäßig hell“. Sind sie nicht rund oder haben graue Ränder, ist das nach der Wikipedia meist ein Zeichen minderwertiger Qualität, die Prismen sind dann möglicherweise nicht ausreichend dimensioniert. Dieser Hinweis betrifft die Dimensionierung der Prismen, nicht die Glassorte. Wie die Austrittspupille zustande kommt, erklärt der Ratgeber Fernglas-Zahlen erklärt.

Größe und Gewicht in Zahlen

Die Bauart schlägt sich in Gewicht und Maßen nieder. Die Wikipedia gibt folgende Größenordnungen an: Kompakt- oder Taschenferngläser wiegen bis etwa 300 g, Universalgläser zwischen etwa 400 und 1.200 g, und Standardgläser von etwa 8x25 bis 10x44 liegen zwischen 300 und 900 g. Als Datenblatt-Beispiele für Taschengläser nennt der Hersteller Swarovski Optik beim CL Pocket 8x25 345 g und Zeiss beim Terra ED Pocket 8x25 10,9 oz, das sind rund 309 g.

Ein schlankes Dachkant-Gehäuse lässt sich bei kleinen Objektiven gut in der Hosentasche tragen. Bei sehr großen Objektiven bleibt die Porro-Bauart nach der Wikipedia praktisch die einzige Möglichkeit, weshalb Großferngläser fast immer Porro-Gläser sind.

Folge der Bauart: Innen- oder Außenfokussierung

Wie das Glas fokussiert, hängt mit der Bauart zusammen.

  • Innenfokussierung: Nur innenliegende Linsen bewegen sich. Das Volumen im Gehäuse ändert sich nicht, deshalb findet bei abgedichteten Gläsern (O-Ringe) kein Luftaustausch statt.
  • Außenfokussierung: Die Okulare bewegen sich. Dabei wird Luft angesaugt, mit ihr kleinste Staubpartikel. Eine vollkommene Abdichtung ist laut Zeiss-Optikbuch nicht möglich.

Fixfokus-Gläser, die gar nicht fokussieren, lassen sich nach der Wikipedia einfach abdichten. Weil Dichtigkeitsangaben von Hersteller zu Hersteller verschieden formuliert sind, sollten Sie sie immer am konkreten Modell nachlesen. Mehr zu Beschlag und Abdichtung bei den Fachbegriffen im Fernglas-Glossar.

Ehrliche Einordnung: Die Bauart allein sagt nichts

Dachkant ist nicht automatisch besser, und Porro ist nicht veraltet. Beide Bauarten haben Eigenschaften, die je nach Einsatz wichtig oder unwichtig sind. Die Bildqualität entsteht aus dem Zusammenspiel von Fertigungsgenauigkeit, Vergütung, Transmission, Okular und Justierung. Das Zeiss-Optikbuch betont etwa die hohe Genauigkeit, die Dachkantprismen erfordern. Ein schlecht gefertigtes Dachkant-Glas kann also schlechter abbilden als ein sauber gebautes Porro-Glas, und umgekehrt.

Hinzu kommt die Justierung. Ob die beiden Fernglashälften parallel ausgerichtet sind, entscheidet darüber, ob Sie ein sauberes Bild sehen. Sind sie es nicht, entstehen Doppelbilder. Wie sich das äußert und was Sie dann tun können, beschreibt der Ratgeber Doppelbild und schwarze Ränder. Eine Justierung gehört nicht in Laienhände; sie ist Sache des Herstellers oder Fachhändlers.

Wie Sie bei der Auswahl vorgehen

Statt die Bauart zum Hauptkriterium zu machen, gehen Sie besser in dieser Reihenfolge vor:

  1. Legen Sie den Einsatz fest: Wandern mit leichtem Gepäck, Beobachtung vom festen Platz, Reise.
  2. Bestimmen Sie die Größe, also Vergrößerung und Objektivdurchmesser, und rechnen Sie die Austrittspupille aus.
  3. Lesen Sie im Datenblatt nach, welche Bauart und welche Prismenform angegeben sind und ob eine Phasenkorrektur genannt wird.
  4. Prüfen Sie Gewicht und Handlichkeit nach Möglichkeit selbst.
  5. Betrachten Sie die Austrittspupille am Glas: rund, scharf berandet, gleichmäßig hell.

So fließt die Bauart als ein Baustein ein, nicht als Entscheidung für oder gegen ein Produkt.

Welche Größen es als Beispiele gibt

Die meisten Ferngläser der mittleren Größenklasse sind Dachkant-Gläser. Beispiele aus der Klasse 8x42 finden Sie auf der Seite Ferngläser der Klasse 8x42. Wer sich für Bauarten und Hersteller im Überblick interessiert, findet sie auf der Seite Bauarten und Hersteller im Überblick. Großferngläser mit sehr großen Objektiven gibt es nach der Wikipedia praktisch nur als Porro-Bauart.

Merksätze

  • Prismen sorgen für ein aufrechtes, seitenrichtiges Bild.
  • Porro: breit, einfacher zu bauen, hohe Transmission, größer und schwerer.
  • Dachkant: schlank, aufwendig zu fertigen, braucht Phasenkorrektur.
  • Schmidt-Pechan ist kompakt und verspiegelt, Abbe-König ist länger und kommt ohne Verspiegelung aus.
  • Eine runde, scharf berandete Austrittspupille ist ein Prüfhinweis.
  • Die Bauart allein sagt nichts über die Bildqualität.

Häufige Fragen

Ist ein Dachkant-Fernglas besser als ein Porro-Fernglas?

Nicht pauschal. Dachkant-Gläser sind schlanker und werden bei hochwertigen Modellen häufig genutzt. Porro-Gläser sind einfacher herzustellen und erreichen laut Zeiss eine hohe Transmission ohne Verspiegelung. Die Bildqualität hängt von Fertigung und Vergütung ab.

Was ist Phasenkorrektur?

Bei Dachkantprismen entstehen Phasenverschiebungen des Lichts, die die Detailauflösung vermindern würden. Ein Phasenkorrekturbelag auf den Dachflächen verhindert das weitgehend. Laut Zeiss brauchen beide Dachflächen eines Dachkantprismas diesen Belag.

Wirkt sich die Glassorte BaK4 auf die Austrittspupille aus?

Dafür gibt es in unseren Quellen keinen Beleg. Die Wikipedia nennt BaK4 und BK7 als häufige Prismengläser und BaK4 als geeignet für hohe Detailauflösung. Eine nicht runde Austrittspupille deutet nach der Wikipedia auf zu knapp bemessene Prismen hin.

Quellen (alle am 20.10.2026 abgerufen)

Redaktionell recherchiert und verglichen, keine physischen Tests. Stand: 20.10.2026. Arbeitsweise und Werbung: Offenlegung.